Myanmar

Nach nun knapp zwei Jahren habe ich es endlich geschafft die Bilder meiner dreiwöchigen Reise durch Myanmar zu sichten.
Ich bin noch heute komplett unentschieden, ob ich dieses Land als Urlaubsziel weiterempfehlen würde. Für mich habe ich entschieden, dass es bei einer Reise in dieses Land bleibt.
Ein Land voller Schönheit und Geschichte, aber auch voller Widersprüche und Konflikte. Myanmar hat für mich leider zu viele Facetten, die mir nicht gefallen haben. Die Kluft zwischen arm und reich ist extrem. Myanmar befindet sich durch die späte Öffnung in einem krassen Umbruch und rauscht in die Moderne, so spaltet sich die Kluft zwischen Tradition und Moderne immer weiter und auch die Inflation ist enorm. Alte Kunst, Skulpturen und Gebäude in Tempelanlagen bekommen durch grell blinkende LED-Beleuchtung und monströse Chromgeländer einen fraglich modernen Anstrich verpasst. Antike Gebäude, auch in Bagan, zerfallen überall im Land oder werden geplündert und falls sie doch restauriert werden sollten, geschieht das unfachmännisch mit viel Beton. Noch immer sind große Teile des Landes für Touristen Sperrgebiet, in manchen Regionen ist man gezwungen Guides zu buchen, die einen zusätzlich zum eigenen Guide begleiten. Auch die Teile des Landes, die für Touristen geöffnet sind befinden sich teilweise unter der Kontrolle von Rebellen. Oft werden daher an Kontrollstellen spezielle Tourismusgebühren verlangt. Das Land, die Menschen und die vorhandene Infrastruktur sind teilweise komplett überfordert mit dem Tourismus. Strom wird häufig nur für Hotels mit großen Diesel-Generatoren erzeugt, wobei die Masse der Menschen weiterhin auf Strom oder fließend Wasser verzichten muss. Oft bieten nur Klöster als Bildungseinrichtungen eine eigene Stromversorgung an und die Menschen laden dort ihre Telefone oder andere akkubetriebene Elektrogeräte auf.
Nachdem die Nachfrage von Touristen so groß ist, werden für durchschnittliche Übernachtungsmöglichkeiten oder einfache Hotels selbstbewußt unverhältnismäßig hohe westliche Preise verlangt.
Auch Ex-Militärs, die sich in die Tourismusbranche eingebracht haben und oft die wenigen Hotels besitzen, behalten so ihren Einfluß und bekommen ein stolzes Einkommen. Diese Ex-Militärs waschen sich durch hohe Spenden an buddhistische Klöster von ihren Sünden rein, da diese Klöster aufgrund ihres Glaubens keine Spenden abweisen dürfen.
Ausländische Institutionen plündern die Rohstoffe und Ressourcen des Landes mit der Hilfe des Militärregimes, das weiterhin hinter der politischen Kulisse die Fäden zieht.
Obwohl Frauen die meisten täglichen Aufgaben im Haushalt erledigen und auch in allen Bereichen von Fabrik-, Feldarbeit bis Straßenbau sehr harte körperliche Arbeit leisten und dadurch das Land mit ganzer Kraft wirtschaftsfähig halten, sind sie in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens benachteiligt oder ausgeschlossen.  Sogar der Buddhismus, in der Auslegung wie er in Myanmar praktiziert wird, schließt Frauen vollständig von einer Vielzahl von Zeremonien oder beim Betreten heiliger Orte aus.  Diese Situation kenne ich bisher von keinem anderen buddhistischen Land in der Form und ist auch nicht die Regel im Buddhismus. Es sind religiöse Gesetze, die von Männern in Myanmar erlassen wurden, die Frauen benachteiligen.
Leider musste ich feststellen, dass auch in Myanmar nicht an jeder Ecke ein Fotomotiv wartet. Die meisten beeindruckenden Bilder, die wir von Myanmar kennen sind komplett gestellt und arrangiert. Egal ob es Bilder mit Mönchen, Fischern, Frauen oder Kindern sind, sie werden von Fotografen, Fotoreisegruppen oder Guides für die Fotos bezahlt. Es gibt spezialisierte Guides, die mit aufgeschlosseneren Klöstern Geschäfte machen und so kleine fotogene Kindermönche für westliche Fotografen für Fotoaufnahmen besorgen. So entstehen dann diese theatralischen Bilder die nahezu unter Studiobedingungen aufgenommen wurden und nichts mit der Realität zu tun haben, aber die Erwartungshaltung der Touristen prägen. So sehen sich die zahlreichen Mönche im Alltag durch die direkte und distanzlose Kamerapräsenz oft einem regelrechten Spießrutenlauf ausgesetzt, wenn die Touristen auf Fotojagd gehen.
Diese Touristen und Influencer haben oft keinen Anstand und klettern für ein gutes Foto oder Selphy auf die heiligen Stupas oder Statuen der Tempelanlagen und machen auch vor Buddha-Skulpturen nicht halt. Sie schaden durch das Besteigen der Gebäude nicht nur der durch die Erdbeben geschwächten Bausubstanz, sondern gefährden dadurch auch ihr Leben. In der jüngsten Vergangenheit wurden so schon mehrfach Personen verletzt und Gebäudeteile zerstört. Und genau diese Touristen treten durch ihr Verhalten auch die fremde Religion durch ihren fehlenden Respekt und ihrer Ignoranz mit den Füßen. Ich denke nicht, dass jemand in einer christlichen Kirche auf dem Altar herumspringen würde. Die Einheimischen tolerieren dieses Verhalten zwar oft unkommentiert, aber das Verhalten der Urlauber ist trotzdem falsch. Leider habe ich während meiner Reise sehr viele dieser respektlose Touristen und Influencer erlebt.
Durch einen persönlichen einheimischen Guide, der mich auf meiner Reise die gesamte Zeit begleitet hat, hatte ich die Möglichkeit mich auch abseits der regulären Touristenpfade zu bewegen. Ich konnte so auch mein Verhalten den örtlichen und religiösen Erwartungen anpassen und hatte Zugang zu viel Insiderwissen, dass in keinem Urlaubsführer zu finden ist. Ich durfte so auch viele sehr herzliche Menschen kennenlernen, die mir Einblick in ihr tägliches Leben ermöglicht haben. Ich habe auch versucht so sensibel und zurückhaltend wie möglich zu fotografieren.